#112 Fraum Komachi und der Wackelkontakt
Shownotes
🎙️ Schuss vorm Buch – Frau Komachi und der Wackelkontakt
Aufgenommen mit Ansteckmikrofonen auf alkoholfreien Bierflaschen. In Chicago. Mit Windböen und einem Hauch Escher.
Diesmal aus der Hotelbar in Chicago – mitten zwischen Wetterwahnsinn, architektonischen Highlights und Jenga-Klötzchen-Mikrofonständer.Wir sind unterwegs auf einer Podcast-Konferenz und haben zwei Bücher im Gepäck, die mehr mit Blickwinkeln, Lebensentscheidungen und japanischen Kinderbüchern zu tun haben, als man zunächst denken würde.
1.„Wackelkontakt“ von Wolf Haas Zwei Männer, ein Buch, ein Stromschlag – und plötzlich verschwimmen Realität, Fiktion und Handlung. Einer liest über den anderen, der wiederum über den ersten liest. Klingt verwirrend? Ist es nicht. Haas gelingt es meisterhaft, die Ebenen so elegant zu verweben, dass man sich fühlt wie in einem Escher-Bild: Die Geschichte windet sich, läuft auf sich selbst zu, öffnet Türen in Schleifen – und bleibt dabei völlig klar. Große Kunst mit einem trockenen Humor und einem Ende, das sich nicht einfach nur „auflöst“, sondern sich selbst noch mal auf links dreht. Ein pageturnender Hirnverdreher, der dabei nicht intellektuell prätentiös wird. Lesen am Stück empfohlen – alles andere ergibt sonst Wackelkontakt.
- „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama Ein Buch wie eine Umarmung. In fünf Episoden begegnen wir Menschen in völlig unterschiedlichen Lebensphasen – von der unzufriedenen Modeverkäuferin über den Zeichner in der Sinnkrise bis zum Rentner mit Go-Ambitionen. Sie alle landen – teils zufällig – bei Frau Komacchi in der Gemeindebücherei. Diese empfiehlt ihnen keine typischen Selbsthilfe-Bestseller, sondern oft unerwartete (Kinder-)Bücher. Und immer gibt's ein selbstgefilztes Objekt obendrauf. Was erst absurd klingt, entfaltet sich als feinsinnig erzählte, ruhige, aber sehr berührende Sammlung von Geschichten über Wandel, Perspektivwechsel und die kleinen Dinge, die manchmal alles ändern. Ideal zum Weglesen – am besten in fünf Häppchen.
Chicago – die Stadt der Schmetterlinge und Wetterwechsel im Minutentakt. Von 22 Grad und T-Shirt zu Eiswind in fünf Minuten. Außerdem: ein kurzer Besuch bei Helmut Jahn, der aus Rottweil bis in die Architektur-Tempel Chicagos strahlt, und das Gefühl, ein Buch ganz anders zu lesen, wenn man es am Ort des Geschehens aufschlägt. Dazu: Warum deutsche Schilder uns manchmal zum Trotz provozieren und wieso japanische Literatur uns immer wieder entschleunigt.
🎧 Empfehlung der Woche Ideal für alle, die gerade selbst ein bisschen Orientierung suchen – sei es im Beruf, im Leben oder im Bücherregal. Und für alle, die Lust auf Geschichten haben, die durch eine Hintertür direkt ins Herz spazieren.
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